Wie kommt man zur Besinnungslosigkeit?

16.08.2007 - Mannheimer Morgen - Jörg-Peter Klotz - MundARTacke!

Interview mit Christian „Chako“ Habekost zum neuen Programm „MundARTacke“

Die große Weltpolitik und der verbale Kampf gegen die Auswüchse des Kapitalismus sind sein Metier, aber auch dem „Lokalpatr( id)iotismus“ gewinnt der Mannheimer Kabarettist Christian „Chako“ Habekost seit fast 20 Jahren über Wutanfälle und Kopfschütteln fürs Publikum letztlich sehr amüsante Seiten ab. Wir sprachen mit dem 40-Jährigen Überzeugungswortspieler über sein neues Programm „MundARTacke“, das am 13. und 14. Oktober im Mannheimer Capitol Premiere hat.

2006 waren Sie mit Xavier Naidoo auf großer Hallentournee unterwegs. Jeden Abend vor über 10.000 Menschen aufzutreten – wie fühlt sich dieser riesige Rahmen für einen Vertreter der Kleinkunstgattung Kabarett an?

"CHAKO" HABEKOST: 10.000 Zuschauer sind gut und schön, das war auf jeden Fall eine Riesenerfahrung. Aber für die Kunstform, die ich betreibe, ist es schon besser, wenn einem die Leute richtig ins Gesicht schauen können. Es ist natürlich auch ein anderes Gefühl, vor Leuten zu spielen, die 100-prozentig wegen mir gekommen sind.

mamo: Die interessante Frage dabei ist ja, ob die Auftritte vor mehreren hunderttausend Naidoo-Fans sich für sie in größerer bundesweiter Resonanz niederschlagen?

HABEKOST: Wenn es darum geht, dass ich dadurch eine neue Stufe meines beruflichen Seins erreicht hätte - das war es auf keinen Fall. Man ist jetzt eher in Kreisen bekannt, wo sich ganz andere Dimensionen auftun. Ich bekomme jetzt zum Beispiel regelmäßig E-Mails, ob ich nicht Grüße an Xavier Naidoo ausrichten kann . . . Und ich weiß jetzt genau, dass unser Dialekt in ganz Deutschland funktioniert. "Der Wellnässer" bleibt also erst mal mein letztes Programm auf Hochdeutsch.

mamo: Comedy, aber auch Kabarett findet in immer größeren Hallen statt - liegt das an der Dauerpräsenz im Fernsehen oder sind die Künstler womöglich attraktiver als früher?

HABEKOST: Ich würde es so formulieren: Je leichter Du dem, was auf der Bühne passiert, folgen kannst, desto größer kann die Halle sein. Zum einen, weil das Interesse bei mehr Leuten geweckt wird. Zum anderen gilt: Je multidimensionaler und spitzfindiger die Pointen sind, desto kleiner sollte die Bühne sein. Wobei es auch relativ große Spielstätten wie das Capitol gibt, die sehr angenehm zu bespielen sind. Aber es existieren auch Grenzen. Comedy in der SAP Arena, das geht gar nicht.

mamo: Aber Mario Barth macht's in dieser Größenordnung - sogar zwei Mal ...

HABEKOST: Wahrtschoins weil er Geld braucht, de Bu. Und warum soll er fünf, sechs Mal Schweiß vergießen, wenn er dasselbe mit einer Show erreichen kann? Nach zwei Wochen in der Klapsmühl' bin ich auch fertig, so dass ich dafür lieber zwei Mal im Capitol auftrete.

mamo: Wie sieht Ihre persönliche TV-Bilanz aus?

HABEKOST: Es war ein beruflich etwas schmerzhafter Prozess, zu realisieren, dass ich im Fernsehbereich bei manchen Leuten nicht so gut ankomme. Aber inzwischen bin ich sogar ganz froh darüber, weil ich mir eine Nische geschaffen habe, in der ich gut arbeiten kann. Und wenn wirklich mal ein Comedy-Crash kommt, dann habe ich immer noch ein Live-Publikum, das mich seit Jahren begleitet.

mamo: Worin liegt die mangelnde Fernsehaffinität? Lassen sich Ihre Szenen nicht gut genug in fünf "Quatsch Comedy Club"-Minuten packen?

HABEKOST: Ich habe zumindest schon mal gehört, meine Sachen seien zu "dicht" fürs Fernsehen. Ist ja eigentlich ein schöner Vorwurf, oder? Das liegt wohl an meinem Sprachverständnis. Ich schreibe nicht unbedingt auf eine Pointe hin, sondern arbeite im zweiten und dritten Drübergehen noch heraus, was in den Texten, in der Sprache, versteckt sein könnte. Dann wird aus Zivilisation zum Beispiel Zuvielisation. Aber ich hätte auch keine Lust meine Arbeitsweise zu ändern - ich könnte es auch gar nicht. Das mag an meinen "akademischen Vorstrafen" liegen - meine Denke entspricht halt der Schreibe.

mamo: Noch herrscht durch den Aufschwung gute Stimmung - schlechte Zeiten für's Kabarett?

HABEKOST: Nee, überhaupt nicht. Mein Herz schlägt bekanntlich links, deshalb mache ich mir meine eigenen Gedanken über den Aufschwung. Ich weiß gar nicht, wohin mit all dem Zeug, über das ich nur mit dem Kopf schütteln kann. Ich glaube auch nicht, dass es noch lange so weitergeht mit dem immer mehr, immer mehr . . . Bei unserem System ist es wie beim Ski-Langlauf: Wachse, wachse, wachse . . . Aber irgendwann ist damit Schluss. Und dann?! Fallt de Langläufer uff die Nas!

mamo: Dann gibt sich im neuen Programm "MundARTacke" eine Figur wie "de Motzer" bestimmt besonders kämpferisch, oder?

HABEKOST: Der ist diesmal mehr als Grundhaltung präsent. Ich setze ja weniger auf einzelne Figuren, nur der Woifest-Besucher mit seinem "Frieher hot's des ned gewwe" ist ein Muss. Neu hinzu kommt "De Dalle-Harry". Den gibt's wirklich. In Viernheim. Der streichelt in seiner Werkstatt die Dellen aus dem wunden Autoblech. Und "De Alfred". Der steht für den Teil des Publikums, der nicht ganz freiwillig und nicht ganz aufmerksam da sitzt. Dessen Perspektive greife ich immer wieder auf.

mamo: Gibt es noch andere rote Fäden im Programm?

HABEKOST: Zwei große. Erstens, dass mir der Überfluss, in dem wir leben und der Turbo-Kapitalismus auf die Nerven gehen. Zweitens um "spiritülle" Themen und philosophische Fragen. Zum Beispiel, wie wir endlich zur Besinnungslosigkeit kommen. Oder die Frage nach Gott und andere Extremisten-Sportarten. Natürlich kommt die Metropolregion nicht zu kurz: Gut, dass sie nicht mehr Rhein-Neckar-Dreieck heißt. Wenn man da das "ei" in der Mitte wegließe, dann wär's Dr--eck und alles Marketing für die Katz. Der Sproochkurs geht weiter, diesmal zum Beispiel mit dem kurpfälzischen Konjunk-tief. Und es wird gar Sensationelles enthüllt: Es gibt eine Weltverschwörung gegen die Kur/Pfalz.