moma: Sie versündigen sich doch nicht etwa am heiligen Gedanken der Metropolregion?
Habekost: Nein, aber man muss doch realistisch sein. Zu den Top 3 des D-Landes zählt sie noch nicht. Da müssen wir uns noch bissel anstrengen. Deshalb ist es ja so wichtig, dass hier so viel passiert, über das die Region wahrgenommen wird. Dabei ist die Metropolregion und ihre Wirtschaft die eine Seite, die Menschen die andere. Die Einzigartigkeit ihrer Mentalität und des Dialekts – das ist es, was uns alle in dieser Region verbindet. Es sollte eine Identität sein, die wo uns all infiziert, weeschwieschmään?! Auch wenn der Verbund Metropolregion von manchen noch als etwas künstlich empfunden wird, ist sie doch die einzige wirkungsvolle Großstruktur, die man hat. Auch Mannheim allein ist zu klein, um sich in der globa-lallisierten Welt durchzusetzen.
moma: Klingt, als wären Sie ein Befürworter der Bewerbung Mannheims mit der Metropolregion als Europäische Kulturhauptstadt. Wie realistisch finden Sie das Projekt?
Habekost: Wenn ich’s nur auf dem Papier sehen würde, det ich denke: Die spinne. Aber wie Mannheims Oberbürgermeister Kurz es formuliert, finde ich es gut: Der Weg ist das Ziel!
moma: Ein ambitioniertes Projekt in Zeiten, wo die Krise gerade bei den Kommunen, aber auch im Live-Geschäft richtig ankommt. Spüren Sie die Auswirkungen am Kartenschalter?
Habekost: Ich kann nicht klagen. Bisher bewahrheitet sich meine Hoffnung, dass die Leute in solchen Zeiten mehr auf das bauen, was sie kennen, gut finden und aus ihrer Gegend kommt. Do weeß ma, was ma hot. Da verzichtet man eher auf die Fahrt nach Stuttgart, um sich irgendein Musical anzusehen. Aber ich achte im Gegensatz zu anderen auch auf die Preisgestaltung. Man muss sich schon immer fragen, wie steht der Eintrittspreis im Verhältnis zu dem, was, man auf der Bühne macht.
moma: Trotz Krise: Nach Mario Barth und Lokalmatador Bülent Ceylan drängen immer mehr Comedians in die SAP Arena. Ist das inzwischen auch für Sie ein Ziel?
Habekost: Nein, daran habe ich eigentlich nicht gedacht, und ich würde es wohl auch nicht tun.
moma: Warum?
Habekost: Weil ich denke, dass Kabarett und Comedy da nicht so reinpassen. Da stellt sich für mich die Grundfrage: Warum bin ich auf der Bühne? Meine Antwort: Weil ich etwas zu sagen habe. Und auch wegen des Austauschs mit dem Publikum. Beides funktioniert für mich persönlich in dieser Dimension nicht. Ich habe es ja 2006 bei der Tournee mit Xavier Naidoo erlebt. Das war für mich trotz der Masse nicht so intensiv wie ein Abend im Capitol. Obwohl dort zehnmal weniger Zuschauer reinpassen, habe ich dabei zehnmal mehr Gefühl.
moma: Wie erklärt sich denn der Comedy - Boom in immer größeren Hallen, bei Mario Barth ja sogar Stadien?
Habekost: Ich glaube, das hat was mit der Eventkultur zu tun, von der Comedy inzwischen ein Teil geworden ist. Die Leute wollen das perfekte Großereignis und berauschen sich auch an der spektakulären Kulisse. In der Arena wird das Publikum selbst zu einem Event, das dann Teil des Gesamt-Events ist. Bestes Beispiel sind doch gerade die Mannheimer Adler: Die spielen grottenschlecht und trotzdem haben sie im Schnitt über 10 000 Zuschauer. Ins alte Eisstadion wären dafür, noch dazu bei solchem Wetter, keine 2000 gekommen. Heute gilt: Hauptsache viel, groß, bunte Lichter – der Inhalt ist da manchmal sekundär.
moma: Es geistert die These durch die Popkultur, dass Comedians die neuen Rockstars sind. Können Komiker wie Chris Rock oder Dave Chappelle mit Hollywood im Rücken das Erbe Michael Jacksons antreten, wenn sich in der Musik kein weltweit gemeinsamer Nenner findet?
Habekost: Nein. Wegen der Sprache. Du musst einen Text mindestens zu 95 Prozent verstehen, um ihn lustig zu finden. Von Musik wird man auch ergriffen, wenn man kein Wort versteht. Dagegen ergibt es einen himmelweiten Unterschied, ob man eine Comedy - Sendung wie "Little Britain" synchronisiert oder im Original sieht. Der Verlust ist enorm, weil vieles gar nicht übersetzbar ist.
moma: Apropos Fernsehen: Da haben Sie sich ja inzwischen fast komplett verabschiedet. Eine bewusste Entscheidung?
Habekost: Das sehe ich in der Tat entspannt. Zumal ich nie so ganz zufrieden war, mit dem, was ich im Fernsehen zeigen konnte. Das Medium engt einen auf eine gewisse Weise ein. Und das macht mir, von Ausnahmen abgesehen, keinen Spaß. Wobei ich schon gute Ideen hätte, was man alles machen könnte, auch schauspielerisch. Am liebsten würde „Chako“ gerne Lena Odenthal oder zumindest ihren unseligen LU-feindlichen Assistenten ablösen, um die Region endlich auch „Tatort“-mäßig voranzubringen.
moma: Die alte Schibboleth-Frage zur Unterscheidung von Kabarett und Comedy: Wie hoch ist dennder politische Anteil bei „De Allerärgschd“?
Habekost: Ich bin nicht parteipolitisch und Politik kommt bei mir nicht über Namedropping ins Programm. Von wegen: Hauptsache mal Merkel und Westerwelle erwähnt, schon ist’s politisch. Mein Anliegen ist es, Missstände aufzuspüren, indem ich sie verhohnepiepele oder überspitze. Schließlich hat inzwischen auch der Letzte gemerkt, dass es egal ist, wen man wählt. Das spiegelt vielleicht Stimmungen wider, aber keine echten Einschnitte. Die Politik und der Kapitalismus-Wahnsinn können ja immer weniger wirklich regeln. Dabei wäre gerade die Krise eine Gelegenheit zum Eingreifen gewesen.
moma: Was sind dann die großen Themen im neuen Programm?
Habekost: Natürlich wie immer die Region und ihre Sprache. Ich stelle mir in einem längeren Standup zum Beispiel vor, was die Welt ohne uns Kur/Pfälzer wäre . . . ganz arm. Es geht um die Erfindung des Bunsenbrenners, der Haute Cuisine und des Dubbeglases. Dazu kommt der kulturgeschichtliche Prozess der „Palatinisierung“, in dem exotische Wörter „assimilisiert“ werden. Auch Kindernamen wie Franschisska. Weitere Themen sind Dummgebabbel-geschädigte Ruhesuchende, eine sehr persönliche Geschichte über meinen Nachbarn, die Antwort auf die Frage, warum so viele Kinner heutzutag als Hohlbrotunnerwegs sin. Und Männer als Hypochonder, wo der Schnupfen zum Passionsspiel wird. Nicht mehr fehlen darf der
Weinfest-Besucher mit seinem „Frieher hot’s des net gewwe“, und es gibt eine Wiederkehr des Baptistenpredigers „The Reverend“.
moma: Bedeutet das, dass also auch Spiritualität in Ihrem Programm eine Rolle spielt?
Habekost: Auf jeden Fall. Allerdings net so wie beim Lamas Dalai, bei dem man sich ja nur seine besten Freunde – Roland Koch zum Beispiel – anschauen muss, um zu sehen, wie tief Spiritualität gehen oder sinken kann. Dabei hat unser eigener Kulturkreis doch so tolle spirituelle Konzepte zu bieten: Hölle. Ich stell mir unheimlich gern vor, wer da landen könnte. In seiner ganz persönlich auf ihn zugeschnittenen Hölle. Seit ich das im Kopf hab, sitz ich auch wieder mit Spaß vorm Fernseher. Und überleg mir dabei, wer von den Dumpf - Dohlen des TV-Unter-tainments später in die Hölle kommt und wie sie aussieht. Für Dieter Bohlen hab ich mir was ganz schön Arges ausgedacht. Aber dazu später und live mehr.
Christian Habekost : Presse : Seite 4 : Wider die Krise und das Dummgebabbel