Daran wurde und wird mit Sicherheit in der gestrigen und der heutigen ebenfalls ausverkauften zweiten und dritten Aufführung in Brühl zwar noch weiter gefeilt, um es zu optimieren. Doch auch die unverblümte Version der Premiere garantierte schon wirklich gute und anspruchsvolle Unterhaltung.
Habekost hat zweifellos noch nie so meisterlich Mundartliches und politisches Kabarett verknüpft, wie in diesem neuen Programm "De Allerärgschd". Immer wieder zwischen Hochsprache und breitester Schbrooch wechselnd macht er sich seine Gedanken zwischen dem unverzichtbaren Schoppenglas als identitätsstiftendem Kultgegenstand, deftigem Nachbarschaftsstreit, dem aus seiner Sicht talentfreien selbsternannten Talentguru Dieter Bohlen, der aus seiner Sicht ebenso wenig vorbildlichen Politik der schwarz-gelben Regierung und dem Dalai Lama als falsch verstandenem Easy-Going-Papst mit wenig ruhmreicher Vergangenheit als Staatsoberhaupt. Und kein Thema kommt wirklich oberflächlich daher, Habekost hat zu allem etwas zu sagen - Substanzielles wohlgemerkt, nicht nur die weichgespülten Allgemeinfloskeln manch anderer Kabarettisten, sondern auch Unbequemes, Spitzes. Und so wird nicht nur dem Volk aufs Maul geschaut und nach ebendiesem geredet, Habekost bietet auch sperrige, bitterböse Ansichten und Wahrheiten, die fraglos nicht massenkompatibel sind.
Kaum hat sich das Publikum beim nächsten Gag auf die Schenkel geklopft, da wird es auch schon wieder mit Tiefschürfendem zum kritischen Denken gebracht. Der Liebeserklärung an die (Kur-)Pfalz folgt bei Habekosts neuem Programm sofort wieder Misanthropisches. Wie sollen die Kinder erkennen, was gut und böse ist, wenn sich die Großen gegenseitig umbringen, abzocken und die Umwelt verpesten. Da kommen dann sogar bei Habekost das "pädagogische Fachpersonal", sein einstiges Lieblingsziel für Häme und Spott, die Lehrer, relativ gut weg. Denn, so sagt der Kabarettist Habekost, "unsere Freiheit muss nicht am Hindukusch verteidigt werden, sondern in der Pestalozzi-Grundschule". Während für den sogenannten kriegsähnlichen Einsatz das Geld mit vollen Händen verteilt werde, fehle es zur Sanierung von Turnhallen und Schulgebäuden hier, so Habekost in einem der kabarettistischsten Beiträge des Abends. "Wie solle unsere Kinder klug werren, wenn Politiker so dumm sin?" Teilweise wird er dabei so bitterbös, dass dem Publikum das Lachen schier im Halse steckenbleibt.
Doch schon switcht er wieder um, amüsiert sich über die Audiokalypse, die Dauerbeschallung, die selbst aus Vögeln im tiefsten Pfälzerwald auf Dauer widerstreitende Radaukehlchen mache, witzelt über die Expeditionen der "Außergewärtigen" in die Pfalz, die mit ihren Wohnmobilen die Weinstraße fast schon bis zum Stillstand verstopfen. "Da sage manche, die Pälzer wolle net schaffe - mir komme net dazu."
Und dann blitzen immer wieder die Schbrooch, die Pälzer Lebensart und der Lokalpatriotismus durch. Was würde der Welt schließlich alles neben Auto, Bunsenbrenner, Fahrrad, Geigerzähler und Indigoblau für die Jeans fehlen, wenn es die Pfälzer nicht gebe? Vor allem "Lewensluscht un viel Gefiehl", so Habekost. Er erklärt dem Publikum die eigenen Befindlichkeiten als einer aus ihren Reihen. Er spielt wortgewandt, teilweise in der ihm eigenen Dub Poetry, mit Schwächen der (Kur-)Pfälzer, natürlich nur den sympathisch zu servierenden, und schafft es bei dieser Nabelschau den Dialekt nicht nur als Pointengeber zu nutzen, sondern als Transportmittel für tiefschürfende Themen.
So durfte bei der Premiere natürlich auch das "Des hätt's frieher net gewwe"-Unikum und der Prediger als Zugabe nicht fehlen - zwei Protagonisten, denen der Künstler immer wieder neues, aktuelles Leben einhaucht.
Keine Frage: "Mir sin ned unbedingt die Beschde vun de Stärkschde, mir sin äfach nur die Allerallerärgschde." ch
Christian Habekost : Presse : Seite 2 : "Sin äfach nur die Allerallerärgschde"