Dr. Chako verordnet heiß-kaltes Wechselbad der Gefühle

23.07.2003 - Schwetzinger Zeitung - Ralf Strauch - Der Wellnässer

Premiere in Festhalle: Kabarettist Christian Habekost zieht mit neuem Programm "Der Wellnässer" Tempo und Biss mächtig an.

Er war noch nie einer der langsamen Kabarettisten, noch nie einer der zahnlosen, weich gespülten Comedians. Christian Habekost verlangt stets von seinem Publikum, dass es auf der Hut ist, konzentriert seinen hintergründigen Wortspielereien folgt. Doch mit seinem neuen Programm "Der Wellnässer", das am Freitagabend in der Brühler Festhalle Premiere hatte, unternimmt er einen noch temporeicheren kabarettistischen Parforceritt, der dem Zuschauer und ihm kaum Zeit lässt, einmal durchzuschnaufen.
In einem Wahnsinnstempo galoppiert er querfeldein durch die Gesellschaft, schießt seine spitzen Pfeile ab und trifft dabei sogar immer noch zielsicher ins Schwarze. "Wir waren sicher, die erste Generation in der Menschheitsgeschichte zu sein, die niemals alt wird." Von diesem Gedanken verabschiedet sich sogar der körperlich und seelisch top durchgestylte Wellnässer recht schnell wieder, denn um auf jeder Welle mitschwimmen zu können, muss man eine Menge Ballast abwerfen.

Auf Werte, so suggeriert Habekost, kann man da am leichtesten verzichten. Und da es für diese offensichtlich viel zu wenig Rettungsschwimmer gibt, drohen sie vielfach sang- und klanglos unterzugehen. Aber auch den Unbeschwerten oben auf der Welle scheint nach und nach die Kraft in der Forever-Young-Generation auszugehen, immerhin gehört man schnell zu den Senioren, "also den über 35-Jährigen". So wird man dann selber, so das Fazit des Kabarettisten, zum verzichtbaren Ballast im Jugendlichkeitswahn.

Und da wird Habekost bitterböse, sarkastisch. Seine Pointen streuen teilweise nicht nur Salz in die offenen Wunden der Gesellschaft, sie geben den Pfeffer gleich noch hinterher. Auf sprachlich hohem Niveau dosiert Habekost dabei teilweise sehr gewagt, provoziert neben dem Lachen aus dem Zuschauerraum auch immer wieder ein heftiges Zusammenzucken.

Deutsche Wirtschafts- und Gesundheitspolitik, amerikanische Außenpolitik, Toleranz oder Rücksichtnahme im gesellschaftlichen Miteinander, Generationenkonflikt und Erziehungsfragen - keine Wunde blieb von Habekost "unverarztet". "Wir sollten uns vom Gedanken verabschieden, dass wir unsere Kinder erziehen, denn das macht jetzt die Werbung mit ihrem Wertebild." Da scheint selbst Habekost mit seinen erklärten Lieblingsopfern, den Lehrern, Mitleid zu empfinden, "die haben den härtesten Job, das kommt noch vor 24-Stunden-Rohrfrei-Klempner". Da gehen manche Pointen derart unter die Haut, dass das Publikum eine Zeit bis zum befreienden Lachen benötigte, aber da kommt ja schon die nächste spitze Bemerkung von der Bühne.

Es geht also Schlag auf Schlag im neuen Programm. Und nachdem sich Habekost zusammen mit seinem Publikum all diesen Seelenballast von der Seele geredet hat, ist es an der Zeit, wieder Chako-Glückhormone auszuschütten, einen Lach-Yogakurs zu starten, der in der zweiten Hälfte des Programms auch wieder ein wenig mehr für das schenkelklopfende Kabarett steht. So schickt er seinen bauernschlauen Pfälzer in die Frottee-Fraktion des Wellness-Bereichs, sinnierte über Power-Walker-Kampfgeschwader und die aufkommende Kosmetikwelle, die auch das starke Geschlecht erfasst. "Da werden einstige Hyänenjäger zu Weicheiern und Frauenverstehern."

Habekost gelingt es dabei, kabarettistisch auch immer mal wieder unter die Gürtellinie zu rutschen, ohne primitiv zu wirken. Doch selbst im derbsten "pälzer Humor" blitzt immer wieder das radikal-politische Kabarett durch. Habekost serviert die Mischung aus spitzer Zunge und breitem pfälzer Dialekt einmal mehr grandios. Und so wandlungsfähig wie die Sprache sind Mimik und Gestik bei diesem Künstler allemal.