MEIER: Du stehst ja auf Inhalte, dann lass uns doch mal ein intelligentes Gespräch führen…
Chako: Das hängt ganz von dir ab, ist ja eine Frage des Gesprächpartners.
MEIER: Hängt Intelligenz nicht immer mit Humor zusammen?
Chako: Das wäre schön, es gibt aber auch die gespielte Intelligenz.
MEIER: Du willst weder Comedy-Künstler noch Kabarettist sein, hast aber von beiden was, was denn jetzt?
Chako: Wozu Schubladen? Da ich viel mit Sprache arbeite und mir der Sinn wichtig ist, sehe ich mich eher auf der Seite der Kabarettisten…. (Die Bedienung kommt, Chako verfällt sofort ins Pfälzische, wir bestellen Panini, Apfelschorle und Milchkaffee)
MEIER: Vegetarier?
Chako: Ja, ich fühle mich besser, gesünder, ich hab das in England gelernt, hab's probiert, war gut, bin dabei geblieben.
MEIER: Keine Sünden, Drogen, Alkohol…
Chako: Alles hinter mir. Wein, ja.
MEIER: Ladendiebstahl?
Chako: Ja, warum? Bist du nebenberuflich Kaufhausdetektiv?
MEIER: Kabarett ist mit dem Zeigefinger, Comedy mit dem Mittelfinger, irgendwie verlustigst du ja auch das seriöse Kabarett.
Chako: Und? Wichtig ist, dass man sich nie vor seinem Publikum erhöht, so ernst darf man den Zeigefinger nicht nehmen, wie das viele Kabarettisten machen, Hildebrandt zum Beispiel.
MEIER: Wie ist das eigentlich, wenn man den Menschen die Welt erklären möchte und dabei auch noch witzig sein muss?
Chako: Ein Knochenjob, kommt gleich nach Rettungssanitäter und 24-Stunden Rohr-Frei-Notdienst-Service. Das ist genau das Anstrengende daran, der Drang, seinem Publikum gefallen zu wollen. Ich geh' selten nach einem Auftritt noch mit Essen, weil ich genau weiß, dass ich dann kein guter Gesprächspartner mehr bin. Zu Hause mach ich mir dann eine Flasche Rotwein auf, und mach den Fernseher an, zu Recherchezwecken natürlich. Mit meiner Frau rede ich dann auch wenig.
MEIER: Fernseher vor dem Bett?
Chako: Mein Schlafzimmer wird nicht verseucht.
MEIER: Woran erkennt man einen guten Wein?
Chako: Daran, dass er kein Kopfweh macht. Ich mag den Holzfassgeschmack, beim Roten trinke ich gerne spanisch.
MEIER: Schon mal den Horror auf der Bühne erlebt?
Chako: Klar, wer sagt, solche Situationen noch nie gehabt zu haben, der lügt. Früher habe ich das persönlich genommen. Später habe ich gelernt, dass die Pointen und die Lacher vom Tag, den Regionen und dem Publikum abhängen. Manchmal guckst du in Gesichter, die dir sagen "Was will der eigentlich von mir?" Das musst du dann einfach abhaken.
MEIER: Dein erstes Programm?
Chako: An der Uni, zusammen mit Peter Fröhlich, wir waren "Die Vordenker", das Programm hieß "Aufrecht in den Untergang". 1986, Tschernobyl, ich spielte einen Verstrahlten, der von einem Politiker besucht wurde. Der Rest war grenzwertig.
MEIER: Du bist zweisprachig (Hoch-deutsch/Pfälzisch, d. Red.) aufgewachsen, obwohl deine Eltern nur Hochdeutsch mit dir geredet haben.
Chako: Meine Eltern haben mich reich hochdeutsch erzogen, aber diese Regionalbezogenheit hat mich stark bewegt, den Dialekt habe ich mir "uff de Gass gholt", und mein Mundartprogramm ist meine Altervorsorge. Dann nämlich, wenn mich Deutschland nicht mehr hören will.
MEIER: Was zeichnet die Pfälzer vor den Großdeutschen aus?
Chako: Zunächst einmal: Kurpfälzer! Weil ja vor 200 Jahren der Großteil der Pfalz zusammen mit der Hauptstadt Mannheim abgetreten wurde an die Badenser. Seitdem hat sich zwar politisch eine badische Identität herausgebildet, aber die wahre Identität der Menschen ist immer noch kurpfälzisch. Das zieht sich vom Odenwald über Heidelberg bis Mannheim… Die Pfälzer reden viel, laut, die Leute sind geradeaus, sie sagen einem ins Gesicht was ist, ob schön, gut, schlecht, egal. Und dann die Weinfeste das Genießen des Sommers draußen, "des gfalld mer"
MEIER: Warst du mal der Klassenkasper?
Chako: Ja. Ich habe die Lehrer nach gemacht. Wenn die letzte Stunde vor den Ferien war, haben die Leute auf mich gezeigt, und ich habe dann meinen Erdkundelehrer nachgemacht, und der hat sogar noch drüber gelacht…
MEIER: Dann lief's bestimmt auch mit den Mädels super, oder?
Chako: Ich war nicht so der Womanizer, dazu war ich damals zuwenig offen, zuwenig männlich, ich war… normal.
MEIER: Heute siehst du gut aus, bist intelligent, witzig, hast Geld wäre so was wie ein Porsche nix für dich?
Chako: In der Tiefe meines Herzens bin ich ja Sozialist. Wenn, dann sollte jeder einen Porsche fahren…
MEIER: Daher die Liebe zu Kuba, wo di einmal im Jahr bist? Tauchst du dann dort richtig ein?
Chako: Früher wollte ich Kubaner werden. In jedem Land übrigens, in dem ich war, Jamaika, Trinidad, wollte ich voll eintauchen. Das geht natürlich nicht, allein wegen der Hautfarbe. Meine Frau zieht mich damit auf, weil ich immer möglichst schnell einheimisch wirken will, obwohl man gegen den Wind schon sehen kann, dass ich ein "Whitey" bin.
MEIER: Du warst der erste ausländische Calypso-Star in Trinidad, das kam sogar mal im Heute-Journal. Warum hast du deinen Erfolg dort nicht ausgekostet und bist zurückgekommen?
Chako: Nach zwei Jahren habe ich dann doch schon so was wie Rassismus gegen mich verspürt. Man hat uns Krüppel zwischen die Beine geworfen, das wurde sehr anstrengend manchmal. Und es gab einfach übers Jahr nicht genug zu verdienen, um davon zu leben.
MEIER: Kann man in der Kleinkunstszene eigentlich ein Star werden?
Chako: Ja klar. Guck dir den Mittermeier an. Der ist mit dummen Gesichtern und lustigem Gebabbel zum Star geworden.
MEIER: Der "Wellnässer" sozialisiert den Wellnessbegriff?
Chako: Wellness ist, Definition A: Eine Ansammlung von Bademänteln, in denen Leute stecken, die wohlhabend sind, gestresst und nackisch. Nach Definition B ist Wellness das Schönheitspflästerchen auf einer Ellbogengesellschaft, die uns fertig macht; und C ist Wellness die Suche nach dem verlorenen Paradies. Inzwischen wollen dir manche Leute schon weismachen, dass sie Wellness-Kriege führen.
MEIER: Ist Wellness dekadent?
Chako: So, wie wir es betreiben, ja. Dass du Tausende von Euro brauchst um dir irgendwelches Öl über Haupt gießen zu lassen. Aber es gibt ja auch Wellness für Arme: Eine Heizdecke, Fußball, Fernseher, Bier, …
MEIER: Super danke, ich bin jetzt auch durch mit meinen Fragen.
Chako: Echt, das war jetzt aber nicht sehr ergiebig.
MEIER: Ich hatte dir ja ein intelligentes Gespräch angeboten, ach ja, das habe ich vergessen. Seit wann eigentlich färbst du dir die Haare?
Chako: Seit ich ein Star in Trinidad war. DA dacht ich: schwarz kommt gut. Früher war ich strohblond. Das war's wirklich?
MEIER: Okay. Vorbilder?
Chako: Harald Schmidt, Wolfgang Neuss. Keine Fragen mehr?
MEIER: Dann sag halt einfach, was du sagen willst!
Chako: Die Gesellschaftsform in der wir leben finde ich scheiße, Die Jammerei gier geht mir auf den Sack, man trifft kaum positive Menschen. Mal ehrlich, heute und hier bin ich Sprach-, oder Spaß-Guerillero. Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land wäre ich vielleicht ein echter geworden.
MEIER: Okay, danke, das reicht.
Christian Habekost : Presse : Seite 7 : Der Guerillero