Dann lässt er sich aus über fehlende Bäume und Büsche, findet, dass Pfälzer Wein ein Massenprodukt ist, das mitsamt fettigen Würsten besonders bei Busladungen von Touristen gut geht - und geht dann nach Ellerstadt zu Winzer Schneider, einem der, weil mit guten Ideen und Glück beim Marketing ausgestattet, inzwischen berühmteren Weinmacher der Pfalz. Dort erfährt der "Journalist", dass es auch anders geht - wer hätte das gedacht?! Und zum Schluss bringt er noch eine sensationelle Nachricht unters Pfalz-geschädigte Leser-Volk: "...wer sich etwas länger umsieht, findet durchaus schöne Orte" - oha!, um dann das schöne Freinsheim - einen der am meisten vom Fremdenverkehr be- und heimgesuchten Orte als "Oase" zu empfehlen, wo "Die Bewohner schwere Pflanzenkübel mit Oleanderbüschen ins Freie" schleppen.
Köstlich! Die einfältigen naturverbundenen Eingeborenen.
Als ich's las, musste ich so laut lachen, dass ich für ein paar Momente mein Hochdeutsch vergaß und beinahe laut "Ah do kenntsch doch im Dreieck verrecke!" geschrien hätte, wenn das nicht zu klischeehaft gewesst wär.
Ein wunderbarer Artikel für meine Sammlung des überregionalen Pfalz-Bashings.
So sind'se halt die Aussergewärddische. Hinfahrn, durchfahrn, lächeln, weil hier alles so "goldisch" un "schää" is un "flüssisch". Und dann wird diese arrogante Schwachmaten-Retschertsche mit ein paar klischeehaften Fomulierungen zusammen gefasst:
"In den forciert rustikalen Ausschänken fließt reichlich langweiliger "Woi"". Na dann hätt'er halt selwer net so viel do devu saufe solle, wär'm aa was besseres oigfalle, odder?!
Keiner, der hier in dieser gesegneten Region lebt - leben darf! - und daher die Vorzüge und versteckten Qualitäten und Vielschichtigkeiten dieses Landstrichs und seiner Bewohner kennt würde seine High-mat so billig abwickeln, wie diese durchreisenden Besserwisser aus Gegenden, wo man keinen Dialekt oder den besseren sprich: hoffähigeren Dialekt spricht.
Aber halt!
Das Schlimme bei diesem Spiegel-Artikel ist, dass er von einem "Journalisten" verfasst wurde, der in der Metropolregion Rhein-Neckar lebt, und zwar in Heidelberg, dem Touristen-Zentrum schlechthin. Der hätte es eigentlich besser wissen können müssen. Oder er hat sich halt nur an die Spiegel-Regeln seines Mediums aus Hamburg gehalten: schlecht recherchiert, schlampig formuliert, dafür aber schön schick polemisiert. Hat zwar mit der Realität wenig zu tun, steht aber im Spiegel und ist damit quasi als Fakt etabliert. (Ähnlich geht es zu bei der Kuba-Berichterstattung: Meinungsmache der übelsten Art statt Journalismus.)
Innerhalb weniger Stunden nach Erscheinen hagelte es Proteste und schönste Beiß-Kommentare pfälzischer Highmat-Guerilleros. Dabei musste auch der Name des Schreiberlings, Kurt de Swaaf, zu manchem zwar offensichtlichen dafür aber nicht weniger trefflichen Wortspiel her halten. Und sogar Winzer Schneider musste einen Beitrag schreiben, weil er im Zuge der Pfälzer Gegen-Offensive Angst haben musste unter die Räder zu kommen, wurde er doch verdächtigt, vom Geschwafel des Schwaflers vorher gewusst zu haben. Aber nein, aber nein, die Pfälzer halten zusammen:
"Die Pfalz lebt von ihrer Dynamik und ihrem Charme, der Erfolg meines Weingutes ist auf eben dieser Dynamik und der Schönheit unserer Natur aufgebaut und lebt davon.
Nicht zu Unrecht gehört die Pfalz gemeinsam mit Rheinhessen in den letzten Jahren zu den innovativsten Weinregionen Deutschlands!
Selbstverständlich hat die Pfalz gastronomisch und von Seiten meiner Kollegen viel, viel mehr zu bieten – aber dafür sind solche Veröffentlichungen da und dort erwartet man genau das und nicht das aufzeigen von „Gestern“."
Zick! Zack! Zick! Die Palz schlägt zurick!
Des hot's frieher so net gewwe.
Früher haben wir uns bei solchen Gelegenheiten nicht so richtig getraut in die Offensive zu gehen. Denn viele der vielfach bedienten Klischees stimmten einfach ... ein bisschen: Kohl, mit Saumagen und Hinz & Kunz der Weltpolitik im Deidesheimer Hof. Dann die Pfälzer Strickjacke an Gorbatschow verschenkt und schon warn wir Pfälzer Schuld am Anschluss der DDR. Was noch?! Massenwein in Blumenvasen und Glykol und Schoppenseligkeit und Boris Becker - als Leimener zwar Kur- aber sprachlich eben doch -Pfälzer und Steffi Graf und ihr Vadder, der Gebrauchtwagenhändler aus Brühl und Schlappner und die Waldhof-Buben und die Eingeborenen auf dem Betzenberg zu Kaiserslautern schrien so lange ihre Gorgeln wund, bis das Spiel gewonnen war, sie abgestiegen, wieder aufgestiegen und direkt Meister geworden waren...
Dann ein paar Jahre der Ruhe. Dann der harte Kampf gegen den Verdacht, dass Rudolf Scharping Pfälzer ist. Genau das wurde immer mal wieder von findigen, windigen, bestochenen (?) "Journalisten" behauptet - zu sehr passte er ins Klischee-Bild der tumben Pfälzer, die als SPD-Vor-schwitzende scheitern um als Chef des Bundes deutscher Radfahrer selbst aus dem Sattel kippen.
Und dann kam de Becke Kurt aus Steinfeld in der Südpfalz erst nach Mainz und dann sogar nach Berlin und wieder zurück - und schon waren wieder alle Sterotypen erfüllt, obwohl der arme Mann besser Hochdeutsch sprechen tut als wie der Öttinger und der Mappus zusammen.
Aber es geht halt ums Prestige, ums Ansehen in der großen weiten Welt. Und die Pfälzer haben eben ein ganz schlechtes Leu-Maul. Bis heute.
Trotzdem wird immer mehr Menschen, die sich hierher trauen klar, dass dieser Landstrich ein ganz besonderes Stückchen D-Land darstellt, weil er eben gleichzeitig so typisch deutsch war, nämlich bodenständig, provinziell, konservativ und eben auch so typisch undeutsch, nämlich herzlich, gastfreundlich, genussfreudig, Provence-ialistisch mediterran.
Also kommen sie in Scharen hierher. Norddeutsche, Holländer, Badener, Schwaben, ja sogar Saarländer!
Alle kommen ohne Schutzimpfung und die meisten gehen wieder und sind auf die eine oder andere Weise positiv angetan.
So geschehen letzte Woche als ich mit einem WDR-Filmteam unterwegs war für das TV-Reisemagazin "Wunderschön". Dabei haben wir ein paar schöne Einstellungen in Bad Dürkheim und Umgebung gedreht, bei denen ich den Sprach-Führer mimen konnte ... wohlwissend, dass uns die Menschen nicht wegen unserem Dialekt lieben, sondern trotz! Das ganze Team begeistert von der "Falz" und vor allem von der Gastfreundschaft der Eingeborenen. Ich hab genau hingehört - es war wirklich ernst gemeint. Und da haben wirs wieder: der gastfreundliche Pfälzer - ein Klischee, aber wahr.
Was also treibt den Schreiberling aus Heidelberg um?
Auf einem Verteidigungs-Beitrag für http://wachtenblog.wordpress.com/ entlarvt sich der Journaille-Hannebambel:
"Dass es ob meines Artikels empörte Kommentare hagelt, habe ich natürlich erwartet."
Ach so war des! Äfach bissel provoziere un donn mol gugge, was do debei rum kummt, hä? Und dann:
"Was jedoch die Mutmaßungen hinsichtlich meiner angeblich mangelden Recherchen betrifft: Ich bin oft genug in der Pfalz unterwegs, sowohl beruflich als auch privat, um die Region zu kennen. "
Was als Argument für ihn gedacht war, macht die Sache eigentlich nur noch schlimmer. Wenn einer die Region kennt, und dann bei einem landesweit beachteten Online-Magazin schreibt: ... "Zwischen Bockenheim im Norden und Schweigen an der Grenze zum Elsass grassiert ein Omnibustourismus der üblen Sorte. Klischees und Weinseligkeit sind Trumpf. Orte wie Forst und Rhodt werden täglich im Zeitlupentempo von grauhaarigen Kohorten gestürmt. In den forciert rustikalen Ausschänken fließt reichlich langweiliger "Woi", Weißwein, dazu serviert man die unvermeidlichen Pfälzer Wurstspezialitäten, "Worscht", deren Nitritpökelsalzgehalt beim Genuss oft sämtliche Gesichtsmuskeln zusammenzucken lässt." ... dann ist er wahrscheinlich als vom saarländischen Geheimdienst bezahlter Agent-Provocateur unterwegs ("beruflich"!) oder er hat vor demnächst emigrieren. Oder er kennt die Pfalz deswegen so "gut", weil er selbst einer dieser Bustouristen war.
Als Eingeborener hast du dafür nur einen Kommentar, ein Wort, einen Laut übrig: "o!" (kurz gesprochen, schnell, verächtlich und endgültig) ... "o!"
Was hätten wir uns früher gewunden und verbissen "stimmt jo gar net, mir sin gar net so!" gerufen. Heute machen wir das viel souveräner.
Wir wissen, es gibt in der Pfalz wenig Massenwein, aber dafür massenweise guten Wein. Und wir sind dankbar, dass wir hier leben dürfen, weil nur bei uns das grösste Weinfest der Welt "Wurstmarkt" heissen kann, weil nur mir singe wemma redde un kreische wemma babbeln. Weil wir uns als Bewohner dieses Landes so privilegiert fühlen wie die Namen unsere Weinlagen es versprechen, mir "Ungeheuer", mir "Honigsäckel", die wo mir im "Himmelreich" wohnen, im "Paradiesgarten". Steht es so nicht schon in der Bibel? Hier fing alles an, die ersten Menschen, sie lebten in der Pfalz, im Garten Eden(koben).
Uns bringt so en läppische Artikel ned mehr aussem Gleischgewischt wie en Schoppe Rieslingschorle inneme 0,5 liter Dubbeglas.
Wie schreibt einer der lokalpatridiotischen Eingeborenen als Kommentar auf den Spiegel-Sudel-Artikel:
"Das einzige was der Pfalz fehlt, ist das Meer! Keiner ist perfekt. Wir arbeiten daran."
Genau so misse mir denke. In ganz andere Dimensione.
Früher hat man gesagt, die Pfalz ist Provinz.
Un heit saache mir: Provinz? Ke Problem. Nur muss ma's rischdisch ausspresche: französisch. Net Provinz - Provence.
So denke mir. Jawoll. Heit denke mir so wie de Engländer saacht:
"Think big!" ... sink big ... versenk die Große!
Und genau des mache mir. Und deswege heisst des ab jetz aa nimmi "Die Pfalz ist die Toskana Deutschlands". Sondern?! - Die Toskana ist die Pfalz Italiens.
Ferddisch.
Christian Habekost : Blog : Seite 1 : Die Toskana ist die Pfalz Italiens oder so
Kommentare an: blog (at) chako.de
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